Visionen wilder Städte: Wildnis in der Stadt als Utopie und Dystopie

 

Die Lesart von „Stadt als Wildnis“ hat eine gewisse Tradition und ist widersprüchlich: Auf lebensweltlicher Ebene wird Stadt als Sündenpfuhl gesehen, in dem man verloren gehen oder auf die schiefe Bahn geraten kann, oder aber als befreiender-freiheitlicher Großstadtdschungel, in dessen Lustbarkeiten es möglich ist, sich im positiven Sinne zu verlieren und neu zu erfinden. Auf politisch-planerischer Ebene wird in konservativer Perspektive die Stadt als wucherndes Geschwür verstanden, das die traditionelle Kulturlandschaft „zersiedelt“. Sie wird dem Ideal eines „organischen Wachstums“ einer Netzstadt oder aber der positiv aufgefassten „Zwischenstadt“ gegenübergestellt.
Zudem ist das Thema „Wildnis in der Stadt“ freiraumplanerisch en vogue, wie z.B. der Wildnis-Park am Schöneberger Südgelände, die Stadtwildnis Nordbahnhof Wien und der Park am Gleisdreieck zeigen. Medial gefeiert wird aktuell einerseits die „Rückkehr der Natur in die Stadt“ – (angeblich) verstärkt durch den Corona-Lockdown. Andererseits gestaltet sich das Zusammenleben mit wilden Tieren wie Wildschweinen, Krähen oder Waschbären nicht immer unproblematisch. Zudem herrschen diesbezüglich Ängste: In den zivilisierten Raum der Stadt dringen längst überwunden geglaubte Plagen (Zoonosen) ein, wie Parasiten (Fuchsbandwurm), FSME-Zecken, Malaria-Mücken und natürlich Viren (Fledermaus-Corona) – Nature strikes back.
Beides, „Stadt als Wildnis“ und „Wildnis in der Stadt“ wird auch ausführlich in Sci-Fi und diverser utopischer Literatur und Filmen in eutopischer und dystopischer Form ausgebreitet: die verwilderte, überwucherte, postapokalytische Stadt; die Rückkehr der Natur, wenn der Mensch es voll vergeigt hat; veränderte, mutierte Naturen, usw. Die Diskussion von Utopien und Dystopien dient sowohl dazu, gegenwärtige Problemlagen grundsätzlich zu hinterfragen als auch einen Blick auf alternative, divergierende Zukünfte zu erlauben und sich pfadunabhängige Impulse zur Veränderung zu überlegen und dabei den Raum des derzeit Möglichen oder Machbaren verlassen.

Ausgehend von den Grundlagen einer Analyse verschiedener Lesarten von „Stadt als Wildnis“ und „Wildnis in der Stadt“ und der Auseinandersetzung mit Natur in Utopien und Dystopien werden individuell Themenfelder erarbeitet -– mögliche Themenfelder wären z.B.

  • Gesellschaftliches Mensch-Natur-Verhältnis zwischen Zerstörung und Harmonie,
  • Natur/Tiere in Utopien und Dystopien,
  • Neue Konzeptionen der Mensch-Tier-Relationen,
  • Freiräume in (natürlich oder gesellschaftlich) verwilderten Städten,
  • mutierte Pflanzen & Tiere,
  • Leben mit wilden Tieren in der Stadt 

Ausgehend von diesen Themenfeldern werden (radikale) Entwürfe für konkrete Stadträume in Kassel entwickelt.

Das Projekt wird in engem Austausch mit dem Seminar von Friederike Meyer-Roscher durchgeführt.
Das Projekt ist offen für Master und höhere Bachelor aus A, S und L.

 

Erstes Projekttreffen (Präsenz oder Zoom) ist Donnerstag, der 5. November 2020

Das Projekt wird in hybrider Form angeboten. In der Regel finden die Projektsitzungen über Zoom statt. An ausgewählten Termine werden Betreuungen und Präsentationen vor Ort in Kassel angeboten. Alle Studierenden, die über das zentrale Projekteinwahlverfahren diesem Projekt zugeordnet werden, melden sich bitte, bis zum 30.10.2020 im Moodlekurs „Visionen wilder Städte: Wildnis in der Stadt als Utopie und Dystopie“ an: https://moodle.uni-kassel.de/moodle/user/index.php?id=9211

 Sie erhalten dann die Einladung bzw. die Einwahldaten zur ersten Sitzung per Mail.