Die direkte und oft schwierige deutsch-polnische Nachbarschaft beeinflusste beträchtlich die Übersetzungs- und Veröffentlichungspolitik der „Kinder- und Hausmärchen“ in Polen. Die Märchensammlung der Brüder Grimm, in Polen auch als Verkörperung der deutschen Kultur und Sprache verstanden, wurde auf verschiedenen Etappen polnischer Geschichte unterschiedlich rezipiert – je nach der politischen Lage Polens. Bezeichnend für die polnische KHM-Rezeption ist auch die späte Premiere der polnischen Übersetzung der vollständigen Sammlung, die erst 1896 stattfand. Übrigens galt diese Ausgabe bis vor kurzem als verschollen und wird in der polnischen Grimmforschung kaum berücksichtigt. Die zweite vollständige KHM-Übersetzung wurde fast ein Jahrhundert später, im Jahr 1982, veröffentlicht (also noch in der Zeit der Volksrepublik Polen), und die dritte gegenwärtige KHM-Übersetzung erschien im Jahr 2010. Außer den drei vollständigen KHM-Übersetzungen, die sich wegen unterschiedlicher Übersetzungsziele stark voneinander unterscheiden, erschienen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Adaptationen einzelner Märchen, die nicht nur politischen, sondern auch didaktischen und weltanschaulichen Bedingungen unterlagen, vor allem damals, als die Grimmschen Märchen ausschließlich als Teil der Kinderliteratur verstanden wurden. Die Mehrheit polnischer Übersetzungen der Grimmschen Märchen muss man aus diesem Grund als Bearbeitungen klassifizieren (nach der Definition von Michael Schreiber, „Übersetzung und Bearbeitung“, Tübingen 1993). In polnischen Fassungen der Grimmschen Märchen erlauben sich Übersetzer Textmodifikationen und -manipulationen, die in der Übersetzung der Erwachsenenliteratur undenkbar wären. Im Seminar wollen wir uns auch mit den typischen Bearbeitungsmethoden (wie Pädagogisierung, Purifikation, Logisierung, Poetisierung, Erweiterung usw.) beschäftigen, die in polnischen Übersetzungen vorkommen. Im Rahmen des Seminars werden also die scheinbar „harmlosen“ Änderungen in polnischen KHM-Übersetzungen analysiert und kommentiert, wobei die Kenntnis des Polnischen keine Bedingung ist – alle Beispiele werden in der deutschen Sprache präsentiert.

 Als Autorin der gegenwärtigen KHM-Übersetzung (2010) möchte ich im Rahmen des Seminars auch über Ziele, Methoden und Probleme meiner Übersetzung diskutieren. Anhand ausgewählter Übersetzungsprobleme möchte ich zeigen, wie die bisher existierenden Übersetzungen vieles auf der Ebene von Sprache und Inhalt entstellt haben und wie dies in der neuen Übersetzung zu überwinden und zu korrigieren war. Im Rahmen des Seminars möchte ich also auf meinen sprachlichen Hintergrund zurückgreifen und die Problematik anhand polnischer KHM-Übersetzungen (in deutscher Rückübersetzung) zeigen, aber die Teilnehmer werden auch eigene Übersetzungen vorschlagen können, um die Märchenfassungen in ihnen bekannten Fremdsprachen zu diskutieren.