„Am 18. August des Jahres 1787 schrieb Goethe aus Italien an Knebel: ‚Nachdem, was ich bei Neapel, in Sizilien von Pflanzen und Fischen gesehen habe, würde ich, wenn ich zehn Jahre jünger wäre, sehr verrückt sein, eine Reise nach Indien zu machen, nicht um Neues zu entdecken, sondern um das Entdeckte nach meiner Art anzusehen.‘” Dieses Brieffragment Goethes, das Oswald Mathias Ungers (1926-2007) seiner Publikation Morphologie. City Metaphors 1982 als Motto voransetzte, erscheint in der retrospektiven Betrachtung von Ungers architektonischen Werk als Beschreibung seiner eigenen Haltung sowie als Aufruf Systematik und Subjektivität im architektonischen Werk zu vereinen und so in einer transformatorisch wirkenden Rationalisierung des Bestands produktiv werden zu lassen.

Ungers Auseinandersetzung mit der Vorstellung eines Wesens der Dinge sowie der Architektur ‚an sich‘ zeigt sich in seiner Suche nach beständigen Ordnungen und Formen. Dass sich dies in seinen Praktiken als Entwerfer, Lehrer und Autor so sichtbar demonstriert, macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit den Bedingungen gleichsam darauf abzielten im Mikrokosmos des einzelnen Projekts jederzeit den Makrokosmos der Disziplin aufzuzeigen.

Unter den Vorzeichen dieser analytischen, aber zugleich transformatorischen Praxis untersucht das Seminar Ungers Entwurfs-, Lehr- und Publikationstätigkeit als gleichwertige architekturtheoretische Praktiken, welche die zeitgenössischen und historischen Bedingungen von Architektur und Stadt sowie darüber hinaus die Möglichkeiten des architektonischen Wissens betrachten und die darüber hinaus als Vehikel zur Positionierung des Architekten als Autorensubjekt dienen. Fokus unserer Auseinandersetzung mit dem ‚architektonischem Werk‘ ist dabei Ungers Erarbeiten systematischer Zugänge im Entwurf, in der Lehre und der Publikationstätigkeit, die den architektonischen Bestand – im Sinne eines konkreten und fragmentarischen Ist-Zustand wie auch als umfassendes wie konstruiertes historisches Narrativ – rationalisieren und wiederum in neue Fallbeispiele überführen.

Zusätzlich zum 14-tägigen Seminar (Dauer 2 SWS) werden wir unsere Auseinandersetzung mit dem Thema in drei ganztägigen Blockveranstaltungen vertiefen.

Beginn der Veranstaltung ist Mittwoch, 23.10.2019. Eine Präsentation der Thematik und die Einwahl in den Kurs findet ausschließlich im Rahmen der Veranstaltung Seminarvorstellung Architekturtheorie und Entwerfen statt, die für Interessenten verbindlich ist: Mittwoch, 16. Oktober, 12:00 Uhr, HS 4, A-B 12.


Seit einigen Jahren zeigt sich eine Rückkehr des Utopischen in den kulturellen Diskursen — nachdem die Utopie mit dem Eintritt in die „Postmoderne“ (nach 1968) in Verruf geriet. Der Tief- und Wendepunkt dieser Entwicklung wird vom Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989/91 markiert. Gegenwärtig wird der Ruf nach neuen politischen Ideen wieder lauter, weltweit, auch auf den Straßen: Sozial und ökologisch motivierte Bewegungen formieren sich, z. B. Occupy (2011) oder Fridays for Future (2019). Die spätmoderne Rede von der „politischen Alternativlosigkeit“ scheint der Vergangenheit anzugehören.

In der Geschichte der Utopie nehmen Architektur und Städtebau einen zentralen Stellenwert ein. Seit Anbeginn der Sesshaftwerdung des Menschen wird im Nachdenken über Gesellschaft die politische mit der räumlichen

Ordnung verknüpft — so auch im Politisch-spekulativen. Utopie ist ohne Architektur nicht denkbar. Demnach müsste die Wiederkehr der Utopie auch in der gegenwärtigen Architektur- und Stadtentwicklung zu beobachten sein. Und wenn ja, wie zeigt sie sich dort? Der Bund Deutscher Architekten (BDA) veröffentlichte erst kürzlich das Diskussionspapier „Das Haus der Erde“; darin werden „Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“ dargelegt. Daraus geht hervor, dass technische Lösungen, z. B. Smart City nicht ausreichend dazu beitragen können, die rasante gesellschaftliche Wandlung mitzugestalten. Wesentliche Fragestellungen betreffen insbesondere ökologische, sozialpolitische und nicht zuletzt ästhetische Aspekte.

Das Seminar ist strukturiert als Einführung und Vertiefung des Utopiebegriffs in Architektur und Philosophie.