Die Theorie der Architektur ist in Wien seit 1889 reichhaltig und kontrovers ausgefallen. Eine starke Polarisierung und ein oft polemischer Ton machen die Auseinandersetzung damit für Studierende der Architektur heute noch anregend. Zudem lassen sich in der Wiener Architekturtheorie alle wichtigen Strömungen vom 19. bis ins 21. Jahrhundert nachzeichnen und ihre Anwendung auf einen konkreten Ort mit einer besonders vielfältigen Geschichte verfolgen.

 

Jede Vorlesung widmet sich einem zentralen Text, der den Studierenden auch zur Lektüre zur Verfügung gestellt wird. Diese Texte werden analysiert, in ihren historischen Zusammenhang eingebettet und mit dem zeitgenössischen Baugeschehen konfrontiert.


Das Seminar behandelt den Futurismus und dessen Selbstbild als ein mit der Geschichte brechende und allein Kraft zeitgenössischer Technologie in die Zukunft überleitende Bewegung und befragt historische wie aktuelle Anschlüsse an dessen Bild des gewaltvollen Umbruchs und Absage an die Vorstellung historischer Kontinuität, die zu einer Art Vehikel der Entwicklung avantgardistischer Beiträge zu Fragen der Umweltgestaltung wird.

Trotz der politischen Ambivalenz – man bedenke die totalitären, protofaschistischen und antifeministischen Reflexe – stellt der Futurismus unter anderem aufgrund seiner Vorstellung einer radikalen Veränderung eine der relevantesten künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts dar. Die Vorstellung eines unbedingten Tabula rasas als einzig probates Mittel eines Neuanfangs und das Motiv der Absage an jegliche Form historischer Kontinuität scheint nicht allein in der sogenannten klassischen Moderne, sondern auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie in aktuellen Entwicklungen immer wieder zu einer Art Blaupause zur Entwicklung avantgardistischer Positionen zu werden.

Im ersten Teil des Seminars wollen wir in der kritischen Lektüre von Quellen die Manifeste des Futurismus mit parallelen und verwandten Diskurse zur Architektur der Stadt der Moderne vergleichen und historisch einordnen. Im zweiten Teil des Seminars wollen wir vom Selbstverständnis her avantgardistische Positionen der Architektur von 1945 bis heute schlaglichtartig untersuchen, die mit dem Anschluss einerseits an die futuristische Absage an die Vorstellung einer historischen Kontinuität allgemein wie auch innerhalb der Disziplin der Architektur und andererseits an das methodische wie formale futuristische „Vokabular” moderner Technologie tatsächlich nicht einen Neuanfang formulieren, sondern das Bild des Endes der Geschichte evozierend, gleichsam die Methode des Futurismus rekonstruieren.

Der Digitalisierung unserer Ökonomie, Kultur und Politik auf Basis der zunehmend monopolistisch auftretender Kräfte des freien Marktes glauben Vertreter des Akzelerismus heute gerade nicht mit Versuchen der Entschleunigung, sondern durch eine weitere Beschleunigung der technologischen Evolution begegnen zu können, um Wege in eine menschenwürdige Zukunft zu gestalten. Diese und weitere theoretische Positionen sollen im dritten Teil des Seminars den Hintergrund für eigene Analysen, begründete Manifeste und Entwürfe sowie spekulative Theorien bilden.