Kurs zur Vorlesung im Fachgebiet Systematische Theologie, WS 21/22, Montag 18.15-19.45.

Seminar im Fachgebiet Systematische Theologie, WS 21/22

Das Thema Religionskritik ist fester Bestandteil des Lehrplans der gymnasialen Oberstufe. Es gehört zugleich zu den theologischen Themenfelden, die im Studium unabdingbar sind, um den biblischen Gottesglauben vor dem Forum eines zunehmenden praktischen Atheismus in der Öffentlichkeit und der Schule reflektiert zu durchdenken und zu vertreten. Wir behandeln die blblisch-prophetische Religionskritik, die philosophische Religionskritik (Feuerbach, Marx, Nietzsche), den modernen naturwissenschaftlichen Atheismus (Dawkins) sowie eine theologisch fundierte Religionskritik (Barth, Bonhoeffer, Weinrich).

„Beten ist Unsinn. Ich hab’s versucht, es hat aber nichts gebracht. Die 5 in Mathe habe ich trotzdem geschrieben.“ 

Dieser lapidare Satz eines Schülers drückt sehr schön ein weit verbreitetes (Miss-)Verständnis darüber aus, was das Gebet in der jüdisch-christlichen Tradition ist. Aber was ist das Gebet dann, welchen Sinn und Zweck erfüllt es, wenn es augenscheinlich nicht zur Kompensation menschlicher Faulheit und /oder Dummheit taugt?

„Der Grund zum Beten ist die Freiheit des Menschen vor Gott: die Erlaubnis, die Gott ihm dazu gibt, die ihm dann als solche, eben weil sie ihm von Gott gegeben ist, zum Gebot und Befehl und also zur Notwendigkeit wird.“ Mit diesen Worten begründet K. Barth seine Zuordnung des christlichen Gebets zur christlichen Ethik. Gebet ist für ihn vor allem anderen Bittgebet, das an der Weltherrschaft Gottes teilnimmt. Andere sehen das Gebet umfassender vor allem als wesentliches Element der „Lebensbewegung des Glaubens. Glaubende Existenz ist betende Existenz“ (W. Härle). Und wieder andere verstehen das Gebet als spirituelle Übung mit der Folge, „dass im Energiezentrum des Herzens Kraft, Mut und Weisheit zu wachsen beginnen“ (M. Josuttis). 

Wir gehen diesen (nicht nur jugendlichen) Fragen und unterschiedlichen Ansätzen eines christlichen Gebetsverständnisses im Seminar nach. 


Es ist offensichtlich: Die Kirchen in diesem Land befinden sich sowohl in der Selbstwahrnehmung wie in der Fremdwahrnehmung in einer dreifachen Krise: einer Mitgliederkrise (Kirchenaustritte), in einer Finanzkrise und nicht zuletzt in einer Orientierungskrise. Im Seminar diskutieren wir zwei aktuelle sog. Kirchenreformprogramme (aus der kurhessischen und der rheinischen Kirche) und lesen Auszüge aus dem 2020 erschienenen äußerst provokanten und gut lesbaren Buch des Bochumer systematischen Theologen Günter Thomas: „Im Weltabenteuer Gottes leben. Impulse zur Verantwortung für die Kirche.“ (Ev. Verlagsanstalt Leipzig) Er schreibt: „Hinter der Krise der Mitgliedschaft verbirgt sich nicht nur eine kommende Finanzkrise. Es tritt eine schon lange schwelende, im Kern theologische Krise zutage: Warum sollte man in einem entwickelten Sozialstaat mit einer Fülle sich für die Humanisierung der Welt einsetzenden NGOs eigentlich noch in der Kirche sein? Solange die Kirchen darauf keine Antwort haben, nützt alles Rühren im organisatorischen Brei recht wenig.“